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Glückseligkeit durch Disharmonie!
Es ist schon interessant, wie oft sich die Wege von Menschen kreuzen oder auch nicht. Eigentlich sollte mir der Protagonist hinter TARSUS ein vertrautes Gesicht sein, jedoch dauerte es etwas, den Namen und eben jenes Gesicht unter einen Hut zu bringen. Während meiner Studienzeit in Gießen müssen wir uns wohl immer mal wieder begegnet sein, ja der erste TARSUS-Auftritt fand gar auf einer der BASSWERK-Veranstaltungen statt, die ich mit einem Freund gegründet hatte, und an deren letzten Termin ich dooferweise verhindert war. Aber vielleicht lag es ja an meinem exzessiven Alkoholkonsum oder an anderen Gründen, so eigentlich kennengelernt haben wir uns nun erst vor wenigen Monaten, als ich mir die Blöße geben musste, festzustellen, dass das eine tolle noisige Stück, auf das ich vor ein paar Wochen im Rüsselsheimer Rind tanzte, von der Band war, die ich dann kurz später im Mainzer Kulturcafe live sah, und deren Macher mir eben aus Gießen bekannt war. Ja und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren, dass es gesundheitlich gesehen nicht schlecht war, mit dem Studium fertig zu werden…
? Mach als Einleitung mal Werbung für TARSUS : wer oder was sind/ist TARSUS? was isst TARSUS? Warum der Name? Was wollt/willst ihr/du?
Das als Quintett getarnte Einmannprojekt TARSUS besteht unter diesem Namen seit 1997 und sieht sich als Pyjama-Stand-Up-Industrial/Muzak/Angstpop-Kapelle. Gerne von den Klangschaffenden verzehrte und Nährstoffe beinhaltende Nahrungsprodukte sind Tierabfälle und Pflanzenschredder, sowie vergorene Milchprodukte und andere feststoffliche Materialien. Bevorzugt wird hier die asiatische und südeuropäische Küche. Der Name TARSUS ist ein Überbleibsel der Insektenzüchterzeit des Frontmanns k.makiri, meint das vorderste Glied des Insektenbeines und hat rein gar nichts mit Paulus von Tarsus zu tun. TARSUS existiert allein zur Unterhaltung der fünf beteiligten Mutziecker und verfolgt kein großes kommerzielles Interesse.
? Deine Musik ließe sich für Schubladenfetichisten vielleicht als noisiger Angst-pop beschreiben. Lässt du dich bei deiner arbeit von Musik anderer Künstler beeinflussen? Was inspiriert dich denn allgemein beim lustigen Musizieren?
Die Musik wird, im Fall von TARSUS, wohl am ehesten durch sich selbst beeinflusst. Die Arbeitsweise mit den festgelegten Einschränkungen, nachzulesen auf der offiziellen Website, gebietet dem Klangschrauber, sich auf das Wesentliche zu beschränken und seinem empfundenen Bauchgefühl bei der Klangwahl- und bearbeitung zu folgen. Sicherlich sind einige Tracks auch durch andere Musik inspiriert, meist jedoch sind andere Faktoren wie Nachrichten, Spielfilme, Dokumentationen und Stimmungen Quell der Inspiration. Das erste Album „get insectified“ wurde aber definitiv durch Musiken der 70er Jahre und schräge Zeichentrickfilme beeinflusst.
? Als Hobbymusiker würde mich mal interessieren, wie deine Klangwerkstatt aussieht: findet sich da eher ein Korg MS-20 mit Atari ST als Sequenzer oder ein Apple G5 mit hübsch viel Speicher und dicken Softwaresynths, der sich auch vom heimischen Fernsehsessel aus bedienen lässt?
Also mit einem Apple G5 wird wohl keiner der beteiligten Mutzacker zu erwischen sein. Im TARSUSeigenen insecticity-studio befindet sich nicht einmal ein PC. Leider aber auch kein Korg MS20. Dafür aber einen treuen Atari als Sequencer, einen wunderbaren Drumsynth, einen Pocket-Sampler, einen Roland SH-09 Analogsynth, sowie dem Korg Prophecy, mehreren Mischpulten und diversem Kleinkram. Ich oute mich hiermit als PC-Hasser und vermeide in musikalischer Hinsicht jeden Kontakt mit diesen Geräten. Warum? Weil ich der Meinung bin, dass Softsynths und dergleichen keine Seele haben. Mag sein, dass die Möglichkeiten beim Komponieren mit dem PC schier unbegrenzt sind. Dies beeindruckt mich aber nicht im Geringsten, da ich es vorziehe, meine wenigen Maschinen im Schlaf bedienen und diese vor allem auch anfassen zu können. Am PC-Monitor bleiben nach Berührung nur fettige Fingerabdrücke zurück. Ich finde es zudem auch viel interessanter, mit den Einschränkungen und Fehlern der Hardware zu arbeiten und diese in Kompositionen zu berücksichtigen, einzubinden und auszureizen.
? Dein Konzept unterliegt ja mehr oder weniger - das müssen wir dir mal einfach glauben - der Philosophie, intuitive und nicht-vollständig reproduzierbare Musikstücke zu erschaffen. wie schwer tut man sich denn damit? Man ist als Musiker ja eher auf Klangkonservierung aus?
Ich tue mich eher schwer damit, Arrangements zu machen. TARSUS-Tracks bestehen fast immer aus nicht mehr als 5-6 Sounds, die in maximal 8-taktigen Arrangements geloopt sind. Die Strukturen entstehen zu 90% durch direkte und intuitive Manipulationen an Effektgeräten, wie verschiedenen Delays und Distortions. Auch Modulationseffekte sind gern gehört und werden oft verwendet. Standard ist es z.B., Effekte mit sich selbst rückzukoppeln und somit wunderbar dronige Hintergrundsounds zu erzeugen.
? Ist es dir auch schon mal passiert, dass dir eine gute Idee durch diese Arbeitsweise flöten gegangen ist?
Aber hallo!!!
? Wie erreichst du das "gnadenlose Vertreiben aller Erinnerung an den Entstehungsweg des Tracks aus Gedächtnis", wie es in der aktuelle CD heißt? Spielt da etwa dein Interesse für "Hexenpflanzen" eine Rolle oder tut's auch ein Kasten Licher Export?
Weder noch. Bedingt durch mein fortgeschrittenes Alter von nunmehr 28 Jahren bemerke ich zunehmend ein Nachlassen meiner Gedächtnisleistung :D
Nein, mal im Ernst: Ich bin sehr vergesslich und die Erinnerungen schwinden so gut wie immer von selbst. Dem Alter, in dem man mit solchen Pflanzen experimentiert, bin ich zudem entwachsen. Ich begnüge mich mit der Gewissheit, dies tun zu können, wenn ich es wollte und betreibe dieses Hobby mehr aus botanischem Interesse. Bier finde ich absolut ekelhaft.
? Sprechen wir doch mal von deinem Interesse an jenem Hexenzeug: wie hat sich dieses Interesse denn entwickelt, und besteht da ein Zusammenhang mit der Musik?
Das Interesse an Hexenkräutern hat sich in meiner Adoleszenz entwickelt. Damals suchte ich die ultimative Halluzination. Einen wirklichen Zusammenhang mit der Musik gibt es nicht. Jedoch plane ich seit geraumer Zeit die Gründung eines Ambient-Projekts, bei dem ich die verschiedensten Hexen- und/oder Schamanenpflanzen zum Thema machen möchte. Über die Planung bin ich allerdings noch nicht hinaus.
? Wer einem Auftritt von TARSUS beigewohnt hat, bzw. deine Internetpräsentation oder gar deine CD(s) kennt, wird wissen, dass du ein Insektenliebhaber bist. welche Spezies finden sich denn bei dir daheim so? Wie kommt das bei deinen Mitmenschen an? Auch wenn du nach eigenem Bekunden so schrecklich schüchtern bist, wie sind denn deine Erfahrungen mit Frauen, die bei dir zuhause mit deinem Hobby Bekanntschaft machen?
Nun, mittlerweile sind viele 6- oder 8beinige Hausgenossen verschiedenen Gewächshäuschen und einem stetig wachsenden Heimstudio gewichen, und es befinden sich nur noch 10 Vogelspinnchen und Herr Hundertfuß, ein peruanischer Riesenscolopender (Scolopendra gigantea robusta), den ich an dieser Stelle herzlich grüßen möchte, in meiner Obhut. Dafür kam aber eine Katze und eine Schnappschildkröte, sowie eine kleine Ameisenkolonie (Lasius niger) hinzu. Noch vor einigen Jahren züchtete ich Gottesanbeterinnen (bevorzugt Empusidae) und hatte die ganze Bude vollgestopft mit niedlich schauenden Fressmaschinen. Ein sehr zeitraubendes und kostenintensives Hobby, welches ich, der Mutzieck zuliebe, minimiert habe. Allerdings überlege ich seit kurzem, wieder eine Zuchtgruppe Gottesanbeterinnen der Gattung Idolomantis diabolicum zu halten. Diese Art sieht extrem gut aus, ist verdammt groß (wohl bis zu 17cm) und war bis vor kurzem in Deutschland unerhältlich oder nur zu horrenden Preisen zu bekommen. Frauen haben in der Regel keine Probleme mit den süßen Tierchen, da sie meist sicher hinter Glas sitzen (die Tierchen). Es gab nur einmal einen Ausfall als ich einer ohnehin schon sehr nervösen Insektenphobikerin eine recht große Gottesanbeterin direkt unter die Nase hielt und sie Schrei- und Heulkrämpfe bekam. (Hallo Stephie!)
Beim Gedanken daran muss ich immer noch dreckig kichern >:)
? Würdest du Insekten essen? Wenn du z.B. auf der berühmten einsamen Insel sitzt und die Kokosnüsse satt hättest, und dir würde ein dicker afrikanischer Riesentausendfüßer über den Weg laufen?
Natürlich würde ich Insekten essen. Ich habe auch schon mal afrikanische Wanderheuschrecken probiert. Allerdings kratzen die Tarsen der Sprungbeine etwas im Hals und ich hatte ein wenig Angst, in die Zunge gebissen zu werden. Einen Riesentausendfüßler würde ich allerdings nicht verspeisen, da diese oft als Abwehrmittel gegen Fressfeinde (in diesem Falle ich) Blausäure absondern. Und die hat sich ja, wie in der Vergangenheit bewiesen, nicht als sehr gesundheitsfördernd herausgestellt.
? Was machst du gegen heimische Spinnen an Fenstern, im Keller oder auf der Toilette?
Gar nichts! Ich winke ihnen freundlich zu und begrüße sie beim morgendlichen Schiss.
? Dein aktuelles Werk "solifugae" kommt zurzeit noch im Eigenvertrieb an die Frau und den Mann. Gibt es die Aussicht auf ein Label oder einen Vertrieb?
Die Aussicht auf ein Label mit Vertrieb gibt es. Aber bevor es nicht amtlich ist, möchte ich mich dazu nicht weiter äußern. Bis dahin sind die Silberscheibchen noch bei mir zu beziehen.
? Lass uns mal in die nähere Zukunft blicken: was können wir von TARSUS 2005 erwarten? Auftritte? Veröffentlichungen? Terroranschläge?
Es wird definitiv Auftritte und mindestens eine Veröffentlichung geben. Ich plane, mein letztes Konzert als Live-Album zu veröffentlichen (vielleicht ja schon mit Label). Dieses wird sowohl Audio- als auch Video- Files beinhalten. Ein neues Studioalbum ist auch in Planung. Zudem in Planung ist die Unterjochung der Welt mit Hilfe selbstgezüchteter Kampfschaben. Ich möchte aber dazu nicht zuviel verraten, da dies den Überraschungseffekt schmälern würde.
! Vielen Dank an TARSUS und Grüße an Herrn Hundertfuß!
- Gernot Musch -
BLACK Nr. 38
www.gothicparadise.de
TARSUS ist mit dem aktuellen Album "Solifugae" angetreten und
der Sound ist in einschlägigen Noise-Clubs schwer angesagt.
Grund genug für mich, Mastermind k.makiri ein paar (nicht
ganz ernstgemeinte) Fragen zu stellen (k.makiri: bestand ausdrücklich
auf die Kleinschreibung seiner Antworten):